Ligurische Grenzkammstraße

 

Nachdem ich in den vergangenen Jahren den mittlerweile gesperrten Tremalzopass in der Nähe des Gardasee gefahren habe, ist das Interesse an unbefestigten und geschotterten Strecken immer größer geworden. Da wir zudem regelmässig Touren in den Alpen machen, ist es nur eine logische Konsequenz, dass irgendwann der magische Begriff der ligurischen Grenzkammstraße im Raume steht.

 

 

Eine Recherche ist schnell gemacht, dass seinerzeit vorhandene Material war ausgesprochen dürftig, die ausführlichste Beschreibung, auch hinsichtlich der Route, ist noch im Denzel enthalten. Und da wir schon in der Vergangenheit vielfach ohne größere Planung drauf los gefahren sind, machen wir es auch hier nicht viel anders. Wir, dass sind Andi auf Kawasaki W 650 – echtes Offroadgerät, Sascha mit MZ Baghira und ich mit BMW R 80G/S.

 

Der erste Teil der Fahrt ist schnell erzählt, mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit geht es zunächst in Richtung Schweiz, wo wir den ersten Abend in Gruyeres - da kommt der berühmte Käse her den wir zusammen mit Ponybräu genießen - verbringen. Die Strecke über die Schweiz haben wir unter anderem auch gewählt, weil auf diesem Wege bereits auf der Hinfahrt, so dass Wetter denn mitspielt, der eine oder andere Pass abgefahren werden kann.

 

Leider ist das Wetter am nächsten Tag ausgesprochen schlecht und so müssen wir bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt über den Großen St. Bernhard (2469 m). Wegen des Nebels am Gipfel entfällt daher auch das Zielfoto ;-).

 

In Aosta entscheiden wir uns die Autobahn über Turin bis runter nach Cuneo zu nehmen. Das ist zwar deutlich länger, aber andererseits ist es auch schon Freitag mittag und auf Landstraße bis zum Col de Tende zu fahren würde wahrscheinlich einen Tag länger dauern. Das ist übrigens die einzig gesicherte Information, nämlich, dass die Ligurische Grenzkammstraße in der Nähe des Colle di Tenda beginnen soll. Da wir in Cuneo noch die Vorräte aufgefüllt haben, wollen wir nach Möglichkeit oben in den Bergen kostenfrei übernachten.

 

 

Es ist schon relativ spät, als wir kurz vor dem Tenda Tunnel stehen und feststellen müssen, dass wir in unserer Reisevorbereitung doch ein wenig blauäugig waren, denn nirgendwo ist auch nur ansatzweise ein Hinweisschild auf den Streckenbeginn.

 

Da zudem unsere französischen Sprachkenntnisse ebenso gut sind wie unsere italienischen haben wir auch leichte Probleme überhaupt eine Auskunft zu erhalten und so biegen wir bei der letzten Möglichkeit vor dem Tunnel einfach rechts ab.

 

Nach gut 5-6 km Strecke – aha, man merke wir scheinen richtig zu sein - finden wir zunächst einmal ein Plateu auf dem wir die Zelte aufschlagen und die Nacht verbringen können.

 

Am nächsten Morgen entscheidet sich Andy, der er mit seiner Kawasaki W650 bereits am Vorabend heftig auf dem Schotter kämpfen musste, dafür zurück zu fahren und uns am Ende der Strecke in Pigna zu erwarten.

 

Sascha und ich setzen die Fahrt weiter bergan fort und finden so nach einiger Zeit auch die ersten Hinweise, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.

 

 

Die Streckenbeschreibung im Denzel ist auch entsprechend zutreffend wenn es dort heißt:

 

" Hinzu kommt, dass in diesem nur schwierig überblickbaren Gebiet die Beschilderung bis auf einige holzgeschnitzte, eher primitive Wegeweiser recht spärlich ist."

 

So sind letztendlich auch nur Teile der Passstellen in der vorbezeichneten Form beschrieben, an Wegkreuzungen ist entsprechend regelmäßig Münzwerfen angesagt. Und so geht die Fahrt über den Colle di Perla (2086 m) weiter über den Col de la Boaire (2102 m) und den Coll Malaberghe (2225 m).

 

Kurz hinter dem Col des Seigneurs (2111 m) liegen dann unsere Motorräder in trauter Zweisamkeit auch zum ersten mal im Schotter. Wir haben nicht nur die Verpflegung, sondern selbstverständlich auch die komplette Ausrüstung dabei und vorsorglich, da wir nicht wissen wann wir das nächste mal tanken können, auch die Motorräder bis zum Stehkragen vollgetankt. Ein Slide mit dem Hinterrad, wie das von den italienischen Enduristi praktiziert wird, ist uns daher nur eingeschränkt möglich. In einer der tiefen Geröllpassagen ist Sascha ins Rutschen gekommen und gegen die Felswand geknallt, hat den Sturz aber einigermaßen unbeschadet überstanden.

Ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt bereits auf der anderen Seite der Senke und kann mein Motorrad beim Wenden auf dem rutschigen Geröll nicht halten. Aber, gemeinsam sind wir stark und so kriegen wir auch beide Motorräder wieder aufgerichtet um die Fahrt fortzusetzen.

 

Wir hätten beide nicht gedacht, dass das Fahren auf dieser für Militärzwecke geschaffenen Strecke so anstrengend ist. Zudem müssen wir regelmäßig anhalten und versuchen uns anhand der Angaben im Denzel zumindest einigermaßen zu orientieren, was insbesondere wegen der Vielzahl kleinerer einmündender Wege, die sämtlich zumindest anfänglich befahrbar sind, recht aufwendig ist.

 

Unser Mittagessen nehmen wir auf dem Passo di Tanarello ein. Die Fahrt ist bis jetzt für uns so schwierig gewesen, dass wir uns grundsätzlich an die Empfehlung halten wollen und die direkte Verbindung zwischen dem Passo di Collardente und dem Tanarello eigentlich nicht nehmen wollen.

Alleine schon der Umstand, dass der Abzweig durch ein Stück Leitplanke abgesperrt ist, lässt vermuten wie der weitere Streckenverlauf sein wird. Bedauerlicherweise führt aber das zum Mittagessen gleichfalls genossene Bier zu einer vermeintlichen Steigerung unseres tatsächlichen Könnens und so machen wir uns entgegen der Empfehlung auf den Weg über die Direktverbindung.

 

Hierzu heißt es im Denzel:

 

"Die schmale, 6 km lange direkt Verbindung zwischen Passo di Collardente und dem Passo di Tanarello wird nicht mehr in Stand gehalten und glich im groß Bj. durch groben Schotter, Geröllabrutschungen, tiefe Auswaschungen und felsigen Stufen eher einem Bachbett als einem Fahrweg. „

 

Ich weiß aus heutiger Sicht nicht, ob ich die Strecke noch einmal fahren würde. Wir haben wahrscheinlich noch Glück gehabt, dass wir von Nord nach Süd gefahren sind, also das Gefälle auch nutzen konnten um über viele schwierige Passagen hinweg zu kommen. Doch zum ersten mal auf dieser Tour wissen wir auch, warum wir uns noch dicke Bodenplatten unter die Ölwannen gebaut haben, die Platten sind nachher verbogen und weisen tiefe Schrammen auf.

 

Die Strecke wird wohl landschaftlich ein Highlight gewesen sein, da jedoch keinerlei Absperrungen vorhanden sind und es rechter Hand steil abgeht, habe ich es vorgezogen mich auf die Strecke zu konzentrieren und nach Möglichkeit entlang der Felswand zu fahren. Im Ergebnis sind wir jedenfalls heil unten angekommen.

 

Die Strecke wird jetzt wieder besser, was uns natürlich direkt dazu verleitet schneller zu fahren, mit der Folge das Sascha in einer tiefen Spurrille ins Rutschen kommt und - zur Abwechslung - mit dem Motorrad mal auf die linke Seite knallt. Ein Foto darf ich nicht machen, da findet Sascha die leicht eingeklemmte Lage unter Motorrad und Gepäck doch zu unbequem ;-)

 

Insgesamt dauert es bis in den späten Nachmittag hinein bis wir in Pigna sind, wo uns Andy schon seit Stunden erwartet. Unsere erfolgreiche Bezwingung der Ligurischen Grenzkammstraße wird ausgiebig mit Moretti gefeiert, wobei wir die Vorräte der Herberge wohl so intensiv genutzt haben, dass wir kostenfrei auf dem Rasen übernachten dürften.

 

Am nächsten Morgen hat sich Andy grundsätzlich entschieden in einem Zug bis nach Hause zu fahren, er hat wohl noch irgendwie Konzertkarten für sich und seine Perle für ein Konzert auf dem Museumsplatz.

 

Wir gehen die Angelegenheit ruhiger an und befahren über Ventimiglia den Tenda diesmal in Richtung Norden.

Kurz vor dem Tunnel hat man wiederum die Möglichkeit über die ursprüngliche, heute noch befahrbare geschotterte Strecke zum Fort Central hoch zu fahren. Bei der Einfahrt in diese Strecke springt uns ein Italiener entgegen der uns, eine Hand voll Schotter in der Hand, mit dem Ausdruck "Molto pericoloso" von unserem Vorhaben abhalten will. Als echter Bezwinger der Grenzkammstraße kennen wir natürlich keine Hemmung und anscheinend haben die letzten Tage auch geholfen, so dass wir zügig und ohne Probleme die - ich glaube es sind 48 – eng übereinander geschachtelten, schottrigen Kehren bis nach oben fahren.

 

Von hier geht die Fahrt zunächst wieder in Richtung Cuneo und so weiter Richtung Colle della Maddalena ( Col de Larche ), um von dort den Einstieg in Route des Grandes Alpes zu finden.

 

Grundsätzlich ist das Ziel der heutigen Tour Lanslebourg, wobei wir über den Col du Galibier und den Col de Lautaret fahren wollten.

 

Irgendwann, nach gewohntem Muster, verlieren Sascha und ich uns und es dauert bis in den späten Abend hinein, bis wir über alle möglichen Telefonate und Kontaktversuche tatsächlich beide auf dem Campingplatz eintreffen. Leider ist Sonntag, der Geldautomat geschlossen und der Euro noch nicht eingeführt, so dass unser Abendessen im wesentlichen aus den Biervorräten besteht die wir noch in Sascha Grossraumkoffern finden – es handelt sich dabei übrigens um echte Tesch Koffer.

 

 Am nächsten Morgen geht es über zunächst den Col de L´Iseran (2762 m) und den kleinen Sankt Bernhard. Da der Montblanctunnel immer noch gesperrt ist, sind wir gezwungen bei deutlich schlechter werdendem Wetter wieder Richtung Großer Sankt Bernhard zu fahren um letzlich Richtung Martigny zu gelangen.

Unten in der Schweiz angekommen nutzen wir die Gunst der Stunde um uns im Migros von Basel noch mit den lokalen Spezialitäten einzudecken und sodann die knapp 600 km bis nach Hause an einem Stück durch zu fahren.

 

Fazit:

 

Das wichtigste ist hier den Einstieg in die Strecke zu finden. Weil wir uns nicht genügend vorbereitet hatten, insbesondere keine örtliche, hochauflösende Landkarte hatten, gestaltete sich die Sache etwas schwieriger. Am einfachsten ist der Weg über das Fort Central, dem eigentlichen Beginn der Strecke, zu finden. Die Festung ist, wie wir auf der Rückfahrt feststellen konnten, unproblematisch zu finden und selbst der Sprachunkundigste dürfte den Begriff noch stammeln können ( echter Erfahrungswert ). Aber, Achtung, die Strecke führt eben auf oder in unmittelbarer Nähe der Grenze zwischen Italien und Frankreich her, so dass die  Begriffe zum Teil in italienisch, zum Teil in französich geführt werden. Im Fort angekommen muss man nur durch die Festung Richtung Osten fahren und ist automatisch auf der richtigen Strecke. Die Strecke selber ist auf einer Länge von etwa 80 – bis 100 km unbefestigt, je nachdem welche Route man wählt und welche Abstecher man einbezieht. Auch wenn das nicht überragend weit klingt, ist zu berücksichtigen, dass im Notfall Hilfe nur mit erheblichem Zeitaufwand zu erreichen ist. Bei einem Motorrschaden können dass auch mal gut eine paar Stunden Fussmarsch sein. Vom Erleben her ist die Strecke aber ein Highlight und es bleibt zu hoffen, dass auch die ortsansässigen Enduristi vernünftig genug sind nicht weitere Streckensperrungen durch Zerstörung der Natur zu provozieren.