Motoradtour Neuseeland - Reisebericht

Aotearoa

Es ist Sommer 1999 und wir sitzen gemeinsam auf dem Balkon beim Grillen. Ich bin vor wenigen Wochen von einer Motorradtour durch Australien zurück gekehrt, was gibt es da schöneres, als die Planung für die nächsten Touren.

In diesem Sinne gibt auch Andy Geschichten aus Australien und Neuseeland zum besten. Bislang hat sich Andrea, die dritte in unserer Runde, für längere Auslandsreisen, insbesondere Motorradreisen in Übersee, nicht begeistern können. Das Thema Neuseeland verfolgt Andrea aber bereits seit vielen Jahren, so dass ich die Gunst der Stunde nutze um meine Frau zu einer Motorradtour nach Neuseeland zu überreden.

 Weiterer Anreiz hierfür dürfte auch der Umstand sein, dass wir noch eine einige Tage in Sydney sein werden, wo wir Freunde treffen, die bereits vor etlichen Jahren ausgewandert sind. Außerdem ist der mögliche Abflugtermin noch Monate weit weg, da ist Andrea noch gar nicht richtig bewusst das es irgendwann auf die andere Seite der Welt zu den Antipoden gehen soll.

Aber, wie das immer so ist, die Zeit rast und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Damit Andrea fahrtechnisch wieder auf die Höhe kommt wechselt sie von ihrem eigenen Motorrad auf eine CB500 und fängt an ihre Bekleidung funktionell umzugestalten.

 Der größte Diskussionsbedarf besteht eigentlich hinsichtlich des Umfanges des Reisegepäckes.

 Andi, wie auch ich nehmen üblicherweise große Packsäcke mit, da diese unproblematisch befördert werden können und zudem wasserdicht sind.

Für Andrea suchen wir ein Modell aus, dass, neben einem leicht erhöhten Packvolumen ;-) auch noch Trageriemen hat. Als Zugeständnis meinerseits packe ich zudem das Zelt in meinen Packsack, so dass Andrea - die insoweit eigentlich ohnehin recht sparsam ist - auch tatsächlich alles eingepackt bekommt.

Für die Kinder, beide zum Glück noch nicht schulpflichtig, wird ein längerfristiger Aufenthalt bei meinen Eltern arrangiert und schon ist der 02.02.2000 da und wir stehen kurz vor Mitternacht am Flughafen in Frankfurt.

Andi ist schon vor drei Wochen abgeflogen, er hat insgesamt sechs oder sieben Wochen Urlaub und wollte mindestens vier Wochen über Neuseeland reisen. Treffpunkt ist Christchurch, dort befindet sich auch der Motorradverleih.

Nach einigem hin und her haben wir uns für Yamaha XJ 600 entschieden, kleine, wendige und sparsame Modelle, die für die von uns gewählten Strecken vollkommen ausreichend sein dürften.

Die Reise geht mit Quantas vonstatten, die bieten die schnellste Verbindung nach Neuseeland an.

Obgleich der Flug so „nur“ 28 Stunden dauert, kommen wir doch letztendlich so gerädert in Christchurch an, dass wir sofort das Hotelzimmer aufsuchen und erst mal eine Runde schlafen. Ich kann mich dann einige Stunden später noch aufraffen und mit Andy einen gründlichen Zug durch die Gemeinde machen;-).

Am Morgen holen wir die Motorräder bei NZ Motors ab und fahren auf der Südinsel die Küstenstraße lang nach Dunedin ( das neuseeländische Pendant zum schottischen Edinburgh).

Auf dem Weg dort hin wollen wir unbedingt die Marmara Buolders besichtigen, ein kurioses geologisches Vorkommnis, bei dem große Steinkugeln aus sandigem Untergrund durch das Meer ausgespült werden. 

Marmari Bolder Neuseeland

Neuseeland bietet sich uns von Anfang an als beschauliches, ländliches Reiseland, an dem nicht an jeder Ecke direkt haufenweise Dollars für die Besichtigung irgendwelcher Attraktionen gefordert werden. Entsprechend entspannt und aufgelockert ist auch unsere Stimmung. Hier kommt auch zum Tragen, dass wir alle eigentlich eher gerne Landschaften anschauen als durch Museen und sonstige Sehenswürdigkeiten - außer vielleicht Folter- und Waffenkammern - rennen.

Auf Andys Erfahrung zurückgreifend wollen wir den Urlaub soweit als möglich im Zelt verbringen, wobei die Zeltkultur in Neuseeland recht ausgeprägt und angenehm ist und insbesondere auch Mückenfrei. Hinzu kommt weiter das keinerlei gefährliches Getier gefürchtet werden muss, was etwa auf einer Australientour zum Probelm werden kann, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Am zweiten Tag zieht sich der Himmel zunächst zu, so dass zum ersten mal die Regenbekleidung zum Einsatz kommt. An diesem Morgen hat Andrea dann auch ihren ersten Umfaller, den sie jedoch, mit Unterstützung durch einen Meat-Pie locker wegsteckt.

Und so geht die behutsame Fahrt langsam in Richtung Hawea, wobei wir uns erstmalig auch auf Gravelroads trauen.

 Gravel Road Neuseeland

Der Abend am Lake Hawea ist traumhaft, dass von uns besuchte Ufer ist mit Felsbruchstücken bedeckt die von der Formatierung her exakt so aussehen wie versteinerte Baumstämme.

 

Zu alle dem gibt es am Abend auch noch ein Lion Red, eine örtliche Biermarke. Am nächsten Morgen erreichen wir die andere Küstenseite und fahren auf einer traumhaften Straße entlang der Pazifikküste.

 Küstenstraße Neuseeland

 Beschreibungen hierzu kann man kaum abgeben, die Farbenpracht lässt sich auch im Bild nur unzureichend wieder geben.

 Es folgen auf dieser Rute regelmäßig Abstecher zu Natursehenswürdigkeiten unter anderem etwa der Fox-Glacier, oder die Pancake Rocks.

Pancake Rocks

 Leider ist das Wetter auf dieser Inselseite zum Teil ausgesprochen wechselhaft und, wie ersichtlich, die Straßenführung zum Teil rau und unübersichtlich. So kriegt dann Andrea auch irgendwann eine Kurve nicht, balanciert aber mit bewundernswertem Geschick zumindest wieder noch aus dem Graben raus, bevor sie sich gründlich von ihrem Motorrad überrollen lässt. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir glücklicherweise noch nicht, dass Andrea bereits in der 14. Woche schwanger ist, um das Ergebnis vorweg zu nehmen, es ist alles glimpflich abgelaufen. Zudem kommen auf der ansonsten recht wenig befahrenen Strecke gerade Mary und Philipp Gil vorbei, die Andreas Motorrad auf ihren Pick up bis nach Blenheim mit nehmen können.

Dort pflegen wir nicht nur Andrea, sondern setzten auch das Motorrad soweit in Stand, dass wir am nächsten Tag Richtung Fähre abfahren können.

 

 Die Ankunft auf der Nordinsel ist deutlich hektischer als die Südinsel, zum erstenmal seit Tagen haben wir wieder richtiges Verkehrsaufkommen und Abgase in der Nase. Aber nicht nur die Abgase vermögen den deutlich schwefligen Gestank zu verursachen. Die vulkanischen Aktivitäten sind hier ausgesprochen deutlich mit allen Sinnen wahrnehmbar. Interesseant sind auch die Ausführungen dazu, dass und wie die Maori die vulkanischen Aktivitäten für das tägliche Leben genutzt haben, vom warmen Baden, Wäsche waschen bis hin zur Nutzung als Warmluftherd.

 Craters of the Moon

Nächstes Ziel ist der Ruapeu, ein Vulkan der noch vor kurzer Zeit für erhebliche Probleme gesorgt hat und ein gesamtes Skigebiet, einschließlich zugehöriger Gebäude vollkommen unter Asche begraben hat.

Ruapeu Neuseeland 

Während der letzten beiden Tage ist Andrea immer schweigsamer geworden, was selbstverständlich daran liegen könnte, dass sie den Sturz dorch nicht so gut verdaut hat wie zunächts gedacht. Aber egal was ich auch mache, es ist verkehrt. Es gibt dann auch, nachdem ich Andrea dann irgendwo auf einem Parkplatz – nach vielen Kilometern Suche – wieder finde, eine recht heftige Diskussion, in deren Verlauf ein von Schlichtungs-bewußtsein getriebener Autofahrer erkennt, dass ein tieffliegender Motorradhelm ein nicht unerhebliches Verletzungrisiko in sich birgt und die Stätte der ehelichen Konversation lieber verlässt.

Irgendwann platze ich dann mit der Frage raus:“ Bist Du eigentlich schwanger oder was (Originatton) ?“ 

Es folgt ein verdutzes, beiderseitiges Schweigen und ein unmittelbar anschliessender, von versöhnlichem Miteinander getragener Besuch in der nächsten Pharmazie. O.K., der Test ist positiv und Streit gibt es, nachdem das Thema geklärt ist, auch nicht mehr.

 Allerdings müssen wir die restliche Strecke bis Auckland auf jeden Fall noch irgendwie hinter uns bringen, aber auch das haben wir dann noch geschafft – über das wie wollen wir hier nicht reden. Die Abgabe der Motorräder gestaltet sich relativ unproblematisch. Auf die Frage nach dem Zustand teilen wir mit, dass eine Maschine „ a little bit scratched “ sei, was resultativ den Verlust der kompletten Kaution in Höhe von 1500,00 Nz$ bedeutet, irgendwo hat also auch die Kulanz von Nz-Motorcycles ein Ende.

Besondere Probleme beim Abflug aus NZ haben wir grundsätzlich nicht. Vorsorglich mache ich die Zöllner darauf aufmerksam, das das Gepäck von Andi wegen des dort beinhalteten Footballs als eher ungewöhnlich anzusehen sei und besonderer Kontrolle bedürfe ;-). Leider führt dieser Ratschlag aber dazu, dass alleine mein Gepäck und insbesondere mein kompletter Tankrucksack, einer ausgesprochen gründlich Untersuchung unterzogen werdenStirnrunzelnd.

Der Rest ist schnell erzählt.  Martin und Therese in Australien sind über den Ankunftstermin informiert, MO – shortform Martin Oestreich –hat auch ein Auto organisiert und so stehen wir schon bald vor der Opera.Sydney Opera Andrea Witsch

 Problem bereitet uns in Australien nur die Trinkkultur – am Hafen ist Alkoholverbot in der Öffentlichkeit – no public drinking – und so muss das Bier in eine Papiertüte gehüllt werden.

Auf den Bildern dass sind also kein Spucktüten, sondern die serienmässig mitgelieferten Trinkhüllen zu sehen.

Für die nächsten Tage hat sich Therese nicht nur frei genommen sondern auch ein schönes Besichtigungsprogram zusammengestellt, dass allabendlich in Grillparties endet.

Koala

Wir haben auch richtig Glück mit dem Wetter, aktuell wird Sydney von einer Schlechwetterfront überzogen, so dass es selten mehr als 30° sind. Am Tag der Abreise reisst auch promt der Himmel auf und die Temperatur schießt schlagartig auf fast 40° hoch.

 

 Abreise aus Sydney

 Von links nach rechts: Tina, MO, Andrea, Andi, Michael, Therese, Vanessa.

Und Tschüss, ach, zum Abschluss, Hannah wird dann am 31.08.2000 geboren.

 

Michael Witsch