Motorradtour Ukraine/ Schwarzes Meer/ Istanbul

Odessa Michael Witsch-+

 

Es ist Montag 15. August 2005. Die Zahl der tapferen Mitstreiter beträgt gerade mal 2 – in Worten:“zwei“ die sich gegen Mittag in Rossbach treffen, um langsam gen Richtung Osten zu fahren. 

Mitten in der Ukraine

Großartige Routenplanungen haben wir nicht angestellt, was zum Teil auch bereits daran liegt, dass die Information über die von uns beabsichtigte Strecke eher spärlich sind. Weder Polen, noch die Ukraine haben sich insoweit bislang einem größerem Kreis von Motorradtourenfahrern erschlossen.

 Entsprechend haben wir auch nur einige Eckdaten und Termine, die uns letztendlich den Verlauf vorgeben. Dazu gehört unter anderem der Abfahrtstermin der Fähre von Odessa nach Istanbul am 20.08.2005, sowie das am Vorabend in Odessa gebuchte Hotel. Gleiches gilt für den Autoreisezug von Erdine ( Türkei ) nach Villach am 24.08.200.

Ansonsten gilt, wer nicht bucht muss halt im Wald schlafen.

Und das mit allen Kosequenzen;-).

örtliche Fauna

Weitere Buchungen, insbesondere hinsichtlich der Unterkunft, haben wir nicht getroffen, bzw. zum Teil wegen  Sprachkenntnissen  - insbesondere der fehlenden - auch nicht treffen können. Hinzu kommt weiter, dass bis zum Abreisetag nach wie vor keine Buchungsbestätigung für die Fähre vorliegt. Die Buchung der Fähre ist über einen Bekannten erfolgt, der in einer Spedition an der polnischen Grenze arbeitet und seinerseits einen Bekannten in Kiev um Vermittlung gebeten hat. Der Bekannte in Kiev hatte dann wiederum seinerseits Bekannte, die ein Hotel in Odessa betreiben........

 

Erwartungsgemäß beginnt unsere Motorradtour im strömenden Regen. In Rossbach zur Abholung von Andreas angekommen, muss dieser noch mit Hilfe des Hausmeisters die frisch erworbenen Satteltaschen aufrödeln, schnell noch eine Rauchen- die Kippenspur wird sich letztendlich durch halb Osteuropa ziehen- und endlich geht es los.

 

Der erste Teil der Tour ist mehr oder weniger unspektakulär, nachdem erst einmal die Autobahn in Richtung Dresden erreicht ist. Das Wetter ist zum Teil recht durchwachsen, bessert sich aber, je näher wir der polnischen Grenze kommen. Bereits der erste Abend zeigt, dass wir Gegenden erreicht haben, in denen nicht einmal der Mobilfunk funktioniert und so übernachten wir kostenfrei auf den Campingplatz in Obole, nachdem wir den Platzwart nicht erreichen konnten. Die ersparte Campingmaut wird selbstverständlich am gleichen Abend für das leibliche Wohl eingesetzt und so nutzen wir am nächsten Morgen die Gelegenheit und fahren hinter einem Geländewagen durch die Lichtschranke, um so den kostenfreien Campingplatzaufenthalt abzuschließen.

 

Nächster Morgen, Dienstag 16.08.2005, der Grenzübertritt nach Polen gestaltete sich ausgesprochen unspektakulär, allerdings ist die als durchgehend zweispurig eingezeichneten Autobahn im überwiegenden nur einspurig befahrbar und zum Teil auch noch durch alte Platten ersetzt, dies gilt namentlich für die Ortsumfahrungen. Die Betonplatten stehen dabei zum Teil zu 10 cm hoch und 30 cm auseinander, was gerade für die Motorradreifen doch eine erhebliche Belastung darstellt. So ziehen wir durch Polen über Warschau, Gliwice, Katowitz und hatten uns eigentlich vorgenommen das Konzentrationslager Auschwitz II / Birkenau zu besichtigen.

 Die Straßenverhältnisse, wie auch das Verkehrsaufkommen sind jedoch so dicht, dass wir deutlich länger brauchen und letztendlich von einem Besuch Abstand nehmen.

Zudem sehen Städte und Umgebung ab Krakau aus, als sei der Krieg eben erst beendet worden. Die Straßenführung geht durch so finsterne Stadtviertel, dass wir froh sind wieder das offene Land zu erreichen. Die Beschilderung wird zunehmend schlechter, so dass wir uns in der Nähe von Krakau letztendlich recht gründlich verfahren. Erst ein hilfsbereiter älterer Pole mit rudimentären Deutschkenntnissen hilft uns auf den richtigen Weg zurück und kommt noch mit einer Landkarte hinterher gerannt die er uns schenkt und die uns letztendlich wieder auf den richtigen Weg führt.

 

Am späten Nachmittag setzt so heftiger Regen ein, dass wir uns entschließen die Nacht in einem Hotel zu verbringen.  Die Rezeption teilt uns zwar mehrfach mit, dass die gesamte Nacht die Security anwesend sei, gleichwohl ketten wir die Motorräder so eng als möglich aneinander. Die Übernachtung soll – schwarz – 80,00 Euro kosten, das Hotel ist annehmbar und an der Bar wird frischgezapftes Bier verkauft. Da am nächsten Morgen die Bedienung gewechselt hat, werden uns die Getränke auch nicht gesondert in Rechnung gestellt, so dass sich die Übernachtungskosten deutlich gesenkt haben;-).

 

Es ist Mittwoch, der 17.08.2005 und wir erreichen die Grenze zur Ukraine. Bereits deutlich vor den eigentlichen Grenzanlagen steht eine Ampelanlage auf rot. Davor eine zum Glück noch relativ kleine Schlange einfacher und alter Fahrzeuge, aber auch westliche Luxusschlitten. Augenscheinlich weiß keiner so recht wie er sich zu verhalten hat, bis ich mich entschließe dem Grenzposten meinen deutschen Reisepass zu zeigen und gemeinsam mit Andreas vorfahren darf.

Gerade mal um die ersten Baracken gebogen, stehen wir schon in einem Riesen Stau allein schon für die Ausreise aus Polen. Die Fahrzeuge sind zum Teil so schrottig und alt, dass sie jeweils mit Hilfe der anderen Schlange stehenden langsam über die Grenze geschoben werden müssen.

Dabei scheut sich auch keiner davor sich in auch noch so kleine Lücken hinein zu drängen wobei angestrengt nach vorne geschaut wird, nach dem Motto, woran ich vorbei bin, geht mich nichts mehr an.

Als Beweis unserer schnellen Anpassungsfähigkeit haben wir uns entsprechend auch rasch vorgedrängelt und mit dümmlicher Miene am Schalter angestellt. Zur Zeit ist für die Einreise in die Ukraine kein Visum erforderlich, weshalb die Grenzformalitäten auch relativ zügig abgewickelt werden. Der Grenzbeamte hat jedoch bedauerlicherweise überhaupt keine Ahnung von seiner Computertastatur und dübelt mit wehendem Finger über die Buchstaben um gelegentlich mal einen einzutippen.

Darüber hinaus ist er nicht in der Lage das Einreisedokument an der dafür vorgesehen Linie zu teilen und fordert mich mit einem barschen „ Schreiben“ auf, das von ihm soeben zerrissene Dokument erneut auszufüllen. Ok, mach ich glatt, denn ich will ja was.

 Dann aber, nach kaum 2 Stunden, sind wir in der Ukraine die hinsichtlich der Straßenverhältnisse und Landschaft vollumfänglich unseren Erwartungen entspricht. Die erste größere Stadt ist Lemberg, wo wir auch, auf die Erfahrungen auf die Russlandtour zurückgreifend, sofort dafür sorgen genügend Landeswährung umzutauschen. Lemberg ist eine auf steilem hügligen Gelände gelegene Stadt, in welcher der Personennahverkehr im überwiegenden durch Straßenbahn erfolgt.

Wir waren zunächst nicht davon ausgegangen das diese kreuz und quer verlaufenden, durch Pflastersteine gehaltenen Schienen überhaupt noch dem Transport dienen und sind erstaunt, als wir plötzlich inmitten von Menschentrauben landen die aus unvermutet auftauchenden Straßenbahnen heraus strömen. Die Unterschiede zwischen den Pflastersteinen und Schienen betragen zum Teil 20 cm, auf weiten Strecken fehlt das Pflaster ganz, so dass sich die Fahrt durch die Innenstadt als wahre Crosstour gestaltet ( toll ).

Im Einkaufszentrum von Lemberg, dass inmitten der sonst düsteren und kargen Landschaft eher wie eine buntbeleuchtete Kirmesveranstaltung wirkt, decken wir uns zunächst mit ortsüblichen Lebensmitteln – Kaviar, Lachs, Krabbencreme, Pivo, Sekt und Brot - ein und fahren weiter auf unserer Strecke Richtung Odessa.

 

Eigentlich hatten wir vor in Richtung Chotyn abzubiegen, können jedoch keinen Abzweig finden. Es hat den Anschein, als ob nur Feldwege von der Hauptstrecke abzweigen würden und so wird es langsam dunkel, bis wir uns entschließen das Zelt einfach auf einer Wiese nahe der Straße aufzuschlagen. Kaum ist das Zelt aufgeschlagen, naht eine Gewitterfront heran. Ein solches Gewitter haben wir noch nie erlebt! Das Gewitter hält fast 14 Stunden an und kreist die ganze Nacht mehr oder weniger dicht über unserer Lagerstätte. Zum Teil schlagen Nachts Blitze in einer geschätzten Entfernung von etwa 300 Metern ein, mit einer Gewalt wie ich sie noch in keinem Land erlebt habe.

 Aber getreu dem Motto, wenn der Blitz mich trifft, merk ich es eh nicht mehr und werde ich morgen wach, ist nichts passiert, nehme ich meine Ohrenstopsel und schlafe tief und ruhig. Andreas wird deutlich vor mir wach und überbrückt den noch anhaltenden Regen mit Studien über die zwischenzeitlich in seinem Zelt ansässige Tierwelt.

In einer Regenpause machen wir uns wieder auf den Weg und finden tatsächlich auch den Abzweig nach Chotyn, wobei tatsächlich die von der Hauptstraße abzweigenden Feldwege die Verbindungsstraßen sind. Es drängt sich der Eindruck auf, als ob ganz bewusst Hinweisschilder von der Hauptstraße entfernt worden sind, den nachdem wir erst einmal 20-30 km weit im Innland sind, sind die Straßen eigentlich wieder recht gut ausgeschildert. Da wir zudem eine ukrainische Landkarte haben, sind wir auch in der Lage die Ortsschilder zu entziffern.

 

In Chotyn angekommen werden wir zunächst darauf aufmerksam gemacht, dass der von uns eingeschlagenen Weg gesperrt ist und die Weiterfahrt unweigerlich mit einer Inhaftierung enden wird. Bereits an dieser Stelle ist festzuhalten, dass touristische Attraktivitäten in der Ukraine noch wenig erschlossen sind und sich für den Motorradfahrer, der Wert darauf legt seine Ausrüstung vollständig zu erhalten auch nicht anbieten, da er sein Gefährt regelmäßig in größeren Menschentrauben wieder findet.

 

In Chotyn erhalten wir an der Tankstelle glücklicherweise Unterstützung und bekommen so zunächst einmal englischsprachige Informationen über unsere Fährverbindung. Aus irgendeinem Grunde können unsere eigene Mobilfunktelefone die Ukferries nicht erreichen, über das Gesichts des Tankwarts zieht ein Grinsen, nachdem er zum 7. mal hört wie ich in Englisch die gesamte Geschichte erzähle. Ein Entgelt wird nicht gefordert, es ist dies eine Freundlichkeit die sich in der Ukraine, soweit wir dort Hilfe benötigten, auch durchgehend fortgesetzt hat.

 

Die weitere Fahrt gestaltet sich zunächst recht unspektakulär, wobei wir abseits von der Hauptstraße auch kein Problem haben eine vermeintlich einsame Lagerstätte zu finden. Dabei ist die Tarnung wegen der Leuchtkraft von Andreas Zelt – pink !!!! - als ausgesprochen problematisch zu bewerten.

Die Nacht ist dann wieder von obligatorischen Gewittern geprägt, diesmal zum Glück etwas weiter entfernt. Dass das Gewitter wohl ausgesprochen intensiv getobt hat, zeigt sich im weiteren Verlauf der Straße, wo zum Teil ältere dicke Bäume schlichtweg abgeknickt sind.

 

  

Am Freitag den 19.08.2005 erreichen wir Odessa. Den ersten Gang meines Getriebes kriege ich mittlerweile kaum noch rein – das hatte ich doch schon vor mehr als einem Jahr, warum hab´ ich das nicht direkt repariert - , nur im Stand, dann aber versagt nach kürzester Zeit die Batterie, so dass Ankicken angesagt ist. 

Wir haben zwar mittlerweile die Anschrift und Adresse des Hotels, aber augenscheinlich sind wir nicht in der Lage diese ordentlich auszusprechen und werden in der Innenstadt von Odessa hin und her geschickt. Dann endlich kann ich vor einem Klimaanlagenhandel einen Geschäftmann ansprechen der mich auch sofort herein bittet. In intensiver, Mitarbeiterzeit bindender Tätigkeit wird die Adresse des Hotels heraus gesucht, ein telefonischer Kontakt hergestellt und dann fährt der Chef auch noch persönlich vor uns her bis zum Hotel – zum Dank habe ich natürlich eine Einladung für zu Hause ausgesprochen, erst letztens war auf diesem Wege Besuch aus Moskau da.

 

Die Hotelanlage ist ein Knaller. Sie befindet sich in einem abgeschirmten, gesicherten Bereich unmittelbar an der Steilküste von Odessa mit Blick auf das Schwarze Meer. Die Ausstattung mit Klimaanlage und sonstigem Gedöns entspricht wstlichen Massstäben. Wir können nicht nur duschen, sondern Andreas kann auch seine durchweichten, leicht angeschimmelten Discohosen – o.k. sind die Packtaschen wohl doch nicht ganz dicht – zum Trocknen ausbreiten.

 

Wir gönnen uns dann erst mal eine Taxifahrt zur City, dass kann sich nicht jeder leisten, weshalb die Schwarzfahrer-kultur auch ausgeprägt ist;-).

   Vorrangig wollen wir erst aml den Weg zum Fährhafen und der Innenstadt erkunden und unsere Ausrüstung und Verpflegung ergänzen. Wenn es eins in Odessa gibt, dann ist das Essen und Trinken und das auch noch zu ausgesprochen moderaten Preisen. Da wir, wie schon dargelegt, der Landessprache nicht so richtig doll mächtig sind, bekommen wir aber meistens nur Pivo und Bortsch, schmeckt aber beides ausgezeichnet.

 Nach einer kurzen Spritztour nach Odessa City sitzen wir dann Abends auf der Terrasse – das Restaurant hat übrigens eine englische Übersetzung der Speisekarte, dafür aber keine Landeskost -und bewundern die Vollmondnacht am Schwarzen Meer -  schade, dass Andreas nicht blond und vollbusig ist;-).

 Samstag morgen, unsere Ausrüstung ist mittlerweile angetrocknet, was angesichts der einsetzenden Sintflut eigentlich verlorene Liebesmühe war, machen wir uns auf den Weg zum Hafen, da wir dort ab 10 Uhr morgens die Tickets kaufen müssen.

( Sieh an, TDM und BMW können schwimmen )

 

Die Einfahrt zum Zivilhafen in Odessa zu finden gestaltet sich ausgesprochen schwierig, an der Zufahrt zum Zollhafen gibt es schon Krach mit der dortigen Wache und die Ohrfeigen hängen bereits in der Luft. Vorsorglich haben wir jedoch davon Abstand genommen den Uniformträger direkt in den Boden zu stampfen und finden, wie immer, Hilfe die uns den Weg über eine Rampe zum eigentlichen Fährhafen zeigt.

 

Oben angekommen könne wir lediglich ein einziges rostiges Wrack im Hafen erkennen, wobei sich bei näheren Hinschauen herausstellt, dass es sich tatsächlich um die Caledonia, unser Fährschiff handelt.

Es ist mittlerweile 10:05 Uhr und wir eilen zum Ticketschhalter. Bereits der Eingang in die Halle wird uns verwehrt, mit der Begründung, dass der Ticketschalter erst um 10 Uhr öffne. Der Hinweis darauf, das es bereits 10:15 Uhr sei, wird schlichtweg ignoriert und ein Vorbeikommen ist nicht möglich.

 Letztendlich haben wir auch diese Problem durch schlichtes Warten geregelt, in der Abfertigungshalle findet sich dann nicht einmal eine  Nummerierung auf den Türen und nur einem hundeführenden Zöllner ist es zu verdanken, dass wir alle Zollkontrollen passieren können.

So müssen wir zunächst mit unserem gesamten Gepäck durch den Zoll zur Ausreise. Am anderen Ende des Ausreiseschalters stehen unsere Motorräder, die wir zuvor über das Hafengelände dorthin fahren durften. Selbstverständlich haben wir die Satteltaschen nicht abgemacht, die sind aber dann auch nicht kontrolliert worden.

Dann müssen die Motorräder auf die Fähre, wo der Cargo-Officer den Fährpreis in bar und Doller kassiert, müssig zu erwähnen, dass der ausgehändigte Betrag nicht dem entspricht, was letztendlich in das Buch eingetragen wird. Die Kalkulation für die Fährpreise ist kaum nachvollziehbar, im Ergebnis ist die von uns gebuchte Kabine deutlich günstiger als der Transport der Motorräder, wobei sich im Laderaum lediglich unsere beiden Motorräder sowie ein Auto befindet. Die Kabine ist einfach eingerichtet, verfügt aber zumindest über eine eigene Toilette. Die gleichfalls gebuchte Dusche suchen wir zunächst vergeblich, bis wir erkennen, dass der gesamte Toilettenraum ausgefliest ist und vollumfänglich als Dusche genutzt werden kann. Die Toilette funktioniert wohl als Unterdruckmodell, wobei es ohrenbetäubende, Turbinen gleiches Heulen fünf Minuten andauert.

Bedauerlicherweise hat in diesem Augenblick das Mikrofon von Andreas Fotoapparat versagt, so dass hierüber keine auditive Dokumentation besteht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Fährfahrt ist insbesondere durch den defekten Stabilisator geprägt. Selbst bei einiger- maßen ruhiger See und Sonnenschein schaukelt die Fähre mehrere Meter rauf und runter.



Den Bauch voll Kapusta und Pivo ist das selbstverständlich nicht so angenehm, die allerorten hängenden Tüten mussten wir jedoch – ok. gilt eigentlich eher für mich, ich kann nicht mal mit der Fähre über den Rhein fahren -  zum Glück ebenfalls nicht benutzten.

 Auf dem Oberdeck üben wir dann zum Entsetzen der Mitreisenden Liegestuhlsurfen, die glatten Kunststoffkufen der Liegen haben auf dem gleichfalls spiegelglatten Stahldeck schlichtweg keinen Halt. Ein Mitreisender, der wohl auf seiner Hochzeitsreise befindlich ist, versucht sich in gleicher Kunst und verlässt das Schlachtfeld mit erheblichen Blessuren, nachdem er an einer herausstehenden rostigen Fahnenhalterung aufgeschlagen ist.

 Ansonsten ist an der Überfahrt nichts spektakuläres zu bemerken, außer vielleicht der Umstand das bereits gegen Mittag des zweiten Tages die Biervorräte schlichtweg aufgebraucht worden sind. Die Mahlzeiten sind grundsätzlich ausreichend, wobei wir selbstverständlich unsererseits einen eigenen Vorrat an Bier, Brot, Wurst und Kaviar mit uns führen, so dass wir den Weg nach Istanbul im wesentlichen als Erholung verfolgen können. Darüber hinaus ist es ausgesprochen spannend englischsprachige Filme mit russischen Untertiteln anzuschauen.

Die Einfahrt in den Bosporus und der erste Blick auf Istanbul entschädigt für die doch ausgesprochen schaukelige Anfahrt mit der Fähre. Zur Begrüßung strahlender Sonnenschein und der Fährhafen selber liegt direkt am Goldenen Horn.

 Ich denke, dass man kaum irgendwo in der Stadt so einen unverbauten und direkten Ausblick auf die Altstadt und die dortigen Bauwerke hat.

So schön der Ausblick auch ist, eigentlich hatte wir beabsichtigt relativ zügig einzureisen, dies scheitert jedoch bedauerlicherweise daran, dass einer der Mitreisenden auf seiner Versicherungskarte keinen Vermerk für den Versicherungsschutz in der Türkei hat. Zu allem Überfluss erfahren wir dies auch erst nach der Mittagspause, so dass die Zeit allmählich doch recht knapp wird, da wir eigentlich keine Lust haben im Hafen zu übernachten. Doofe Sitaution, erinnert sehr stark an "Terminal", wir können nicht rein, weil - kein Versicherungsschutz - und wir können nicht raus -weil, Wasser hinter uns -.

Letztendlich kann jedoch ein motivierter Mitarbeiter der AXA-Onya für sage und schreibe 4,79 € - das habe ich später auf dem Auszug gesehen - einen türkischen Versicherungsschutz für das Motorrad von Andreas einrichten und so können wir endlich das Hafengelände verlassen.

 

Der Weg zur Hagia Sofia, dem von mir seit Jahrzehnten ersehnten Reiseziel - und es ist einfacht überwältigend- kann man vom Hafen aus leicht finden, wobei eigentlich auch die Verkehrsverhältnisse zumindest auf dem Hinweg akzeptabel sind.

Michael Witsch Andreas Bieker Istanbul

 Nach einer kurzen Besichtigung - warum auch reingehen, wir sind zum Motorrad fahren hier - geht es dann durch das Gewühl der Altstadt in Richtung Bosporus über beide Brücken um einmal den Weg nach Asien zu finden.

 Bosporus

Wir fragen einen am Rande stehenden Motorradfahrer nach dem Weg, worauf er entgegenkommender Weise mit wehendem Burnus, Lederpantoffeln und einer schwarzen Blackbird - das glaub´ ich echt nicht - vor und herfährt.Asien ist schnell abgehakt ;-).

Istanbul ist toll. Allerdings ist die idyllisch gelegene Stadt flächenmäßig so groß, dass es sich empfiehlt über die Autobahn das Stadtgebiet zu verlassen. Die Benutzung türkischer Autobahnen ist für Motorradfahrer indes lebensgefährlich. Augenscheinlich haben sämtliche Autofahrer eine Genickstarre und den Ehrgeiz Motorräder zu überholen.Der Seitenblick wird so gut wie nie ausgeübt, ist der Motoradfahrer aus dem Blickfeld verschwunden, wird sofort die Spur gewechselt. Um diesem ständigen Risiko zu entgehen setzen wir uns entsprechend an Spitze und blockieren den hinter uns fahrenden Verkehr. Wir wollen an diesem Abend noch die Mittelmeerküste erreichen, um in den nächsten Tagen noch Troja, gleichfalls ein Kindheitstraum meinerseits, besichtigen zu können. Leider gestaltet sich das Unterfangen einen Campingplatz zu finden, ausgesprochen problematisch. Zum einen haben wir die doch recht schnell einbrechende Dämmerung unterschätzt. Wir sind zu diesem Zeitpunkt schon bereits in ländlicher Gegend, wo entsprechend unbeleuchtete Fahrräder, Zweiräder und Fußgänger nach Belieben und ohne auch nur annäherungsweise auf den Verkehr zu achten, die Fahrbahn überqueren.Letztendlich bekommen wir über einen Tankwart Kontakt zu einem jungen Mann, der uns ein in unmittelbarer Nähe gelegenes Appartement anpreist. Da meine Kupplung glüht schiebe ich mein Motorrad zu der angeblich nahegelegenen Unterkunft. Müßig anzumerken, dass ich nahezu 20 Minuten schieben muss um das Ziel zu erreichen. Der junge Mann hat wohl während des Schiebens gemerkt, dass ich nicht auch noch zusätzlich Lust habe mich auf türkisch mit ihm zu unterhalten und sucht den Kontakt zu Andreas. Dem teilt er dann mit:“  dass er hübsches Antlitz habe“ ;-). Andreas hat sich dann auch entschieden die Nacht mit dem Hintern zur Wand zu verbringen.Das Appartement liegt, als Anbau im Hof der Eltern, mitten im freien Gelände und von den streuenden Hunden hängt mir auch innerhalb kürzester Zeit der erste an der Hose, glücklicherweise ist die dick genug und er kann nicht durchbeißen. Und nein, der wollte nicht nur spielen.

Am nächsten Morgen lauert der kleine Freund auch wieder auf unsere Abfahrt, was dafür sorgt, die Geländegängigkeit unserer voll gepackten Motorräder auszunutzen.Türkei Offroad Michaek Witsch

Wir folgen der Küstenstraße, die tatsächlich auf Höhe von Tekirdag in eine unbefestigte, unmittelbar der Küste folgende, Piste übergeht. Die Strecke bis Canakkale kann ich nur als traumhaft bezeichnen. 

  Küstenstraße Türkei

Allerdings haben wir relativ zügig merken müssen, dass das Ablegen der Schutzkleidung umgehend zum Sonnenbrand führt. Es bleibt also die Wahl entweder in die Kombi reinzuschwitzen, oder vor Sonnenbrand einzugehen. Wir tun beides.

 Mittlerweile ist die Hitze so groß, dass wir uns zügig einen Campingplatz am Mittelmeer suchen. Die Mitbewohner sind so freundlich und rücken zusammen, so dass wir unsere Zelte unmittelbar am Strand mit Blick auf das Wasser aufstellen können.

Borporus Michael Witsch

Sogar das örtliche Bier schmeckt, wenn man sich erst einmal an die Raumtemperatur -31° -gewöhnt hat.

In Canakkale nehmen wir die Fähre und fahren in das lang ersehnte Troja. Ich kann mich noch gut an die griechischen Heldensagen und die Berichte über Ausgrabungen erinnern, die ich in der Jugend verschlungen habe. Die Besichtigung vor Ort ist demgegenüber eine echte Enttäuschung. Der Hauch der Geschichte und vergangener Heldentaten ist in den ausgegrabenen Ruinen und kahlen Flächen nicht zu entnehmen.Das hölzerne Pferd, geschichtlich ohnehin umstritten, steht da als reine Touristenattraktion, so dass wir die Besichtigung von Troja relativ zügig abgehakt haben - außerdem ist es ohne Fahrwind sauheiß.Troja Michael Witsch Motorrad

 Am nächsten Morgen setzten wir wieder mit der Fähre über und tuckern gemächlich Richtung Edirne. Dort soll uns der Autoreisezug aufnehmen und nach Österreich bringen. Wir haben insoweit durchgerechnet, dass damit wahrscheinlich ein deutlich geringerer Verschleiß und Verbrauch einhergeht und natürlich auch die Bequemlichkeit nicht zu kurz kommt. Wir werden noch ein wenig böse angeguckt, als ich im muslimischen Supermarkt nach Bier frage, aber selbstverständlich im Geschäft nebenan fündig werden kann. Verladung und Transport verläuft ausgesprochen professionell und zwei Nächte und einen Tag später werden wir vom Schaffner bei der Einfahrt in Österreich mit den Worten: „Aufstehen, fertig mache, Pippi gehen“ geweckt.
Noch schnell österreichische Spezialitäten in hinreichendem Ausmaße besorgt und ab nach Hause. 

Stiegl Bier in Villach